Schilddrüse und mentale Gesundheit: Wenn Angst, Depression und Brainfog kein Zufall sind

Liebe Frauen,

viele beschreiben es so: Sie fühlen sich innerlich leer, erschöpft, ängstlich – und niemand findet einen Grund. Blutbild unauffällig. Schilddrüsenwerte „im Normbereich". Trotzdem stimmt etwas nicht.

Was oft übersehen wird: Die Schilddrüse ist kein isoliertes Organ. Sie kommuniziert direkt mit dem Gehirn – und wenn diese Kommunikation gestört ist, macht sich das nicht nur körperlich bemerkbar.

Die Verbindung ist real – und stärker als oft angenommen

Eine Metaanalyse aus dem Jahr 2018, veröffentlicht in JAMA Psychiatry, untersuchte über 36.000 Personen und kam zu einem eindeutigen Ergebnis: Frauen mit autoimmuner Thyreoiditis – also Hashimoto – hatten ein 3,5-fach erhöhtes Risiko für Depression und ein 2,3-fach erhöhtes Risiko für Angststörungen im Vergleich zu Gesunden. Das ist keine schwache Assoziation. Das ist ein klares Signal.

Auch subklinische Hypothyreose – also ein erhöhter TSH bei noch normalen fT3/fT4-Werten – ist mit erhöhtem Depressionsrisiko assoziiert. Eine systematische Übersichtsarbeit und Metaanalyse (Frontiers in Endocrinology, 2019, 103.375 Teilnehmer) zeigte eine signifikant erhöhte Depressionsrate bei Betroffenen, besonders ab dem 50. Lebensjahr.

Wie die Schilddrüse das Gehirn beeinflusst

Schilddrüsenhormone – vor allem das aktive T3 – sind für die normale Funktion des zentralen Nervensystems unverzichtbar. T3 beeinflusst die Expression von Genen, die an der Serotoninregulation beteiligt sind, moduliert die Aktivität von Neurotransmittersystemen und wirkt direkt auf die Myelinisierung neuronaler Strukturen.

Vereinfacht: Zu wenig T3 im Gehirn verändert, wie Botenstoffe wie Serotonin und Dopamin produziert, transportiert und verwertet werden. Das erklärt, warum Hypothyreose sich klinisch oft wie eine Depression anfühlen kann – und warum depressive Symptome bei unbehandelter oder suboptimal behandelter Schilddrüsenunterfunktion auf klassische Antidepressiva allein häufig nicht ausreichend ansprechen.

Brainfog: Wenn das Denken sich anfühlt wie durch Watte

Kognitive Einschränkungen bei Schilddrüsenfehlfunktion sind keine Einbildung. Eine Bildgebungsstudie (Frontiers in Aging Neuroscience, 2023) zeigte, dass Patienten mit komorbider Depression und subklinischer Hypothyreose messbar geringere Volumina in Bereichen des präfrontalen Kortex aufweisen – Regionen, die für Exekutivfunktionen, Konzentration und Entscheidungsfindung zuständig sind – im Vergleich zu Patienten mit Depression allein.

Was das für Diagnose und Therapie bedeutet

Hier liegt ein zentrales Problem: Depressionen und Angststörungen bei Frauen mit Hashimoto oder subklinischer Hypothyreose werden häufig als eigenständige psychiatrische Erkrankungen behandelt – ohne dass die Schilddrüse als mögliche Ursache oder Mitverursacher systematisch einbezogen wird.

Eine Studie an 354 Frauen mit Hypothyreose (Frontiers in Psychiatry, 2021) zeigte zudem, dass Krankheitsüberzeugungen und psychologische Verarbeitung der Erkrankung rund 30 % der Varianz in Depressions- und Angstsymptomen erklärten – unabhängig von Hormonstatus, Alter oder Diagnosedauer. Das bedeutet: Selbst wenn die Hormonwerte optimiert sind, brauchen viele Frauen zusätzlich psychologische Unterstützung.

Was ihr wissen und einfordern solltet

  • TSH allein ist nicht genug. Wenn psychische Symptome vorliegen, sollten fT3, fT4 und TPO-Antikörper mitgemessen werden.

  • „Normal" ist nicht gleich „optimal". TSH im unteren Drittel des Referenzbereichs korreliert bei vielen Betroffenen mit besserer kognitiver Funktion und Stimmungslage.

  • Die Kombination zählt. Schilddrüsenoptimierung allein reicht oft nicht – psychologische Begleitung und Lebensstilfaktoren (Schlaf, Stress, Ernährung) spielen eine entscheidende Rolle.

  • Brainfog und emotionale Erschöpfung ernst nehmen. Diese Symptome sind klinisch relevant und keine Befindlichkeit.

Was sind eure Erfahrungen mit mentaler Gesundheit und der Schilddrüse?

Liebe Grüße vom edubily-Team

Quellen

  1. Siegmann et al. (2018). Association of Depression and Anxiety Disorders With Autoimmune Thyroiditis: A Systematic Review and Meta-analysis. JAMA Psychiatry. DOI: 10.1001/jamapsychiatry.2018.0190

  2. Tang et al. (2019). Subclinical Hypothyroidism and Depression: A Systematic Review and Meta-Analysis. Frontiers in Endocrinology. DOI: 10.3389/fendo.2019.00340

  3. Zhao et al. (2023). Gray matter reduction is associated with cognitive dysfunction in depressed patients comorbid with subclinical hypothyroidism. Frontiers in Aging Neuroscience. DOI: 10.3389/fnagi.2023.1106792

  4. Pankowski et al. (2021). The Role of Illness-Related Beliefs in Depressive, Anxiety, and Anger Symptoms in Women With Hypothyroidism. Frontiers in Psychiatry. DOI: 10.3389/fpsyt.2021.614361

  5. de Jongh et al. (2011). Endogenous subclinical thyroid disorders, physical and cognitive function, depression, and mortality in older individuals. European Journal of Endocrinology. DOI: 10.1530/EJE-11-0430 (Kontrastbefund: zeigt, dass der Effekt altersabhängig variiert)

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Sehr interessant, ich kann das gut nachvollziehen

Vor zwei Jahren hatte ich eine Thyroiditis de Quervain mit Unter- und Überfunktion, von der mir eine permanente Unterfunktion erhalten geblieben ist.

Neben den körperlichen habe ich auch die psychischen Aspekte in beiden Richtungen, also bei Über- und Unterfunktion, sehr stark gespürt.

Überfallartiges Auftreten absoluter Traurigkeit genau wie extreme Reizbarkeit. Das war eine sehr schwierige Zeit die auch jetzt noch ihre Spuren hinterlassen hat.

Mein Internist meinte übrigens, vor Corona wäre diese Krankheit sehr selten gewesen.

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